Entlang des Dnipro – das Herz der
Ukraine
Der Dnipro/ Днïпро:
Er ist nach Wolga und Donau mit 2200
Kilometern der drittlängste Fluss Europas. Die Quelle liegt in der Waldai- Höhe
nahe Smolensk (Russland). Bis sein Wasser in Kiew ankommt hat es schon 1300 Kilometer
in Russland und Weißrussland zurück gelegt. Auf gut 900 Kilometern teilt er die
Ukraine in eine westliche und eine östliche Hälfte. In seiner Geschichte sind
ganze Kulturen entstanden oder auch vergangen. An seinen Ufern wurden Kriege ausgefochten
und um Macht gerungen. Südlich von Kiew reihen sich heute sechs große Stauseen
aneinander, geteilt durch riesige Staudämme, die Wasserkraftwerke beherbergen
und nebenbei noch über Kanäle die Krim mit Wasser versorgen. Entlang des
Flusses liegen Dörfer mit ihrer Landwirtschaft, Städte mit langer Geschichte,
Naturparadiese, aber auch Hüttenwerke, Hochöfen, Chemische Industrie und eines
der größten Atomkraftwerke Europas: Enerhodar mit 6000 Megawatt Leistung.
Über mir fliegen sie; Flugzeuge von und nach Flughafen Borispol
bei Kiew. Aber ich bin auf dem Weg nach Perejaslaw- Chmelnitzky. Hinter
Borispol geht es auf Landstraßen weiter. Ich muss Geld wechseln und tanken.
Kurs: 9,50; Diesel:z.Zt. 0,70 Euro, Mein weiterer Weg führt nach Kaniv. Vorher
erreiche ich aber den großen Kaniver Stausee. Hier ist der Dnipro aufgestaut
für ein großes Wasserkraftwerk. Ich finde einen Badeplatz am Ufer, muss aber
aufpassen, die Wege sind Sand. Der "Deutsche" wird gleich begrüßt und
sein Haus auf Rädern bewundert. Unter schattigen Bäumen genießen etliche
ukrainische Familien aus der Umgebung den Sommertag. Die Kinder haben jetzt-
Anfang Juni- schon Schulferien. Und ich bade das erste mal im warmen Dnipro-
Wasser. Wasserqualität? Völlig sauber; Kiew ist weit genug weg... Hier werde
ich auch übernachten.
Die Nacht brachte mir ein Gewitter und ziemlich viel Wasser von
oben, etwas kühler wurde es zwar, aber mittags waren es doch wieder 30°C.
Kaniv/ Канïв:
Fahrt über den Staudamm, die Wasserkraftwerksbrücke und die
Schleusenanlage. In der Stadt finde ich die Uspenskyi- Kathedrale und den Weg
zum Park Slawi. An seinem höchsten Punkt steht das Monument der Mutter mit
Kind, das an die Opfer des großen Vaterländischen Krieges erinnert. Von dieser
Stelle hat man eine wunderbare Aussicht über Dnipro und Kaniver Staudamm.
Weiter geht es dann zum Grabmal von Taras Schewtschenko;
Dichter, Maler und Nationalpoet der Ukraine. 360 Stufen führen hinauf zum
Denkmal, geschickt verwinkelt, damit man die Menge Stufen nicht sieht. Die
Beine lügen nicht... Das dazugehörige Museum wird gerade total renoviert und
ist geschlossen. Von hier oben hat man einen phantastischen Blick über den
Dnipro.
Und weil das alles so glatt ging,
fahre ich gleich weiter. Es geht über kleine Landstraßen (und noch größere
Schlaglöcher) nach Cherkassy. Man kommt durch das Dorf Chmilna; am größten ist
hier das Ortsschild, ansonsten ist hier die Zeit wohl stehen geblieben… Die
Schule hat Ferien. Auf dem Weg nach Cherkassy kommt man auch durch Moshny- und
es lohnt sich, an der Preobrazhenskaya
Kirche Pause zu machen. Im Ort gibt es mehrere Produkty- Tante Emma Läden.
Cherkassy/
Черкаси:
300.000 Einwohner, schachbrettartig angelegte Strassen, verfahre
mich trotzdem, die sehen alle gleich aus. Finde aber den "Hügel des
Ruhmes" mit der Statue der Mutter Heimat. Alles riesengroß und pompös. Die
über zehn Meter hohe Frauenplastik aus Bronze mit erhobenen Armen und dem
ewigen Feuer erinnert an die Gräuel des zweiten Weltkrieges. Nicht weit davon
steht die kleine Kathedrale Swjato Troizkyi- viel schöner und mit wunderschöner
Freskenmalerei.
Ich habe mir ein ruhiges Plätzchen in der Nähe der Feuerwache
(beim Majdan Slawi) gesucht und übernachte praktischer Weise in der City von
Cherkassy völlig ungestört- auch die Feuerwehr macht keinen Lärm.
*)
Cherkassy- Oblast Museum – Sowjetischer Betonbau (Oblast entspricht in der
Größe etwa Deutschen Bundesländern)
Zolotonoscha – Bakaiwka/ Золотоноша - Вакаïвка:
Fahre heute über die Dniprobrücke bei Cherkassy auf die linke
Dniproseite nach Zolotonoscha. Genauer: nach Bakaiwka. Dort liegt ein
Frauenkloster der orthodoxen Kirche mit der Christi- Verklärungskirche. Die Anlage
liegt auf einem Berg und eine schmale Straße führt hinauf. In der ganzen Anlage
herrscht feierliche Stille. Die Nonnen sind bei der Feldarbeit- das Kloster
versorgt sich selbst.
Nagirne/ Нагïрне - Krementschuker Stausee:
Ich fahre zurück nach Cherkassy, fotografiere während der Fahrt,
weil es keine Anhaltemöglichkeit auf der Dniprobrücke gibt. Durch Cherkassy
hindurch, dann auf der P10 (schlecht!) in Richtung Svitlowodsk. Biege aber
vorher ab nach Nagirne, fahre eine schmale, lange Straße runter zum Dniproufer,
die dann immer schlechter und schmaler wird. Ich will schon aufgeben, aber dann
liegt vor mir der Krementschuker Stausee. Sandstrand, Badeplatz! Es ist kühler
hier, 26°C, aber das Wasser ist warm. Diese in den Dnipro ragende Halbinsel mit
dem Dorf Nagirne ist ein Naturparadies. Hier kommen nur Einheimische zum
Picknick oder Baden.
Unruhige Nacht: Sturm pfeift über den Krementschuker Stausee, es
regnet heftig und kühlt ab auf unter 20°C. Morgens ist es dann trocken und
bewölkt. Nachmittags ist der alte Zustand wieder hergestellt: Badewetter.
Die Rüttelstraßen haben meiner Elektrik geschadet, Hupe, Radio
sind ausgefallen. Erst nach langem Suchen und Messen war es doch nur die
Sicherung (Feinriß). Ich habe genug Werkzeug und Ersatzteile dabei. Hier ist
ein Funkloch. Nichts mit Internet und Handy!
Svitlowodsk/ Свïтловодськ:
Ich besuche gute Bekannte in Svitlowodsk. Private Einzelheiten
lasse ich hier weg, aber wir werden uns wohl später auf der Krim wiedersehen.
Der Krementschuker Stausee wird seit heute "grün": Algenblüte... Es
wird also Zeit, dass ich weiterkomme.
Dnipropetrowsk-
"Stari Kodaki"/ Днïпропетровськ – «Старï Кодаки»:
Ich fahre über die Schleusenbrücke von Svitlowodsk und den
anschließenden Staudamm, dann auf der H08 weiter nach Krementschuk. Aber wie
das so ist, wenn man einige dieser Städte gesehen hat, kilometerlange Prachtstraßen
aus sowjetischer Zeit abgelaufen ist, immer wieder Lenin begegnet; man ändert
sein Programm. Ich fahre also bei Krementschuk über die riesige Stahl- Hubbrücke
und dann weiter Dniproabwärts.
Und gleich an Dnipropetrowsk vorbei, Wegweiser "Aeroport"-
nein nicht nach Hause- sondern mit viel Glück richtig abgebogen lande ich am
Ufer des Dnipro südlich der Stadt. (Vor dem Aeroport gibt es einen großen
Kreisverkehr, den man gute 180° durchfährt, um dann rechts abzubiegen in
Richtung Dnipro und den Ort Stari Kodaki) Hier kann man die Reste der
Kosakenfestung "Stari Kodaki" besichtigen, die auf einem Hügel liegt.
Ich suche mir zwischen den Gras bewachsenen Festungswällen einen Platz für die
Nacht. Unterhalb der Festung befindet sich ein phantastischer Badeplatz, aber
Vorsicht, die Landzunge am Dnipro ist nur was für Personenwagen! Die Wege sind
sandig, voller Schlaglöcher und an einer Stelle geht es steil bergab. Also
vorher mal ansehen!
Ach so; heute ist ein Kosakenfeiertag, deswegen ist Betrieb hier
mit Uniformen und Gesang...
Zaporizhzhya/ Запорïжжя:
Gute 100 km südlich von Dnipropetrowsk liegt Zaporizhzhya (nichtkyrillische
Schreibweisen gibt es viele...) Industriestadt; aber bei Sonne siehst du gar
nicht so hässlich aus! Die Einwohnerzahl dürfte fast die Millionengrenze erreicht
haben. Sowjetische Stadtplaner haben auch hier zugeschlagen: Lenin Prospekt usw.
sind zu Fuß nicht zu bewältigen. Vom Lenindenkmal aus hat man einen guten Blick
auf Wasserkraftwerk, Staudamm und Schleusen. Leider ist der Park am
Lenindenkmal sehr ungepflegt. Wenn man den Herrn schon stehen lässt, sollte man
die Umgebung auch in Ordnung halten. Ansonsten ist die ganze Gegend voll
gestellt mit Hochspannungsmasten und es brummt und knistert in der Luft.
Insel
Chortizja/ о. Хортиця:
Interessanter ist die große Insel Chortizja im Dnipro. Sie ist
über 2 Brücken mit der Stadt verbunden, die Dritte wird gebaut. Chortizja ist
die Insel der Kosaken. Es gibt ein Kosakenmuseum, das allerdings von außen an
Hässlichkeit nicht zu überbieten ist; Beton, Steine und verrostetes Blech. Auch
innen eher Heimatkundemuseum. Aber neben dem Museum gibt es einen Hügel, von
dem man einen phantastischen Blick auf den Dnipro, Staudamm und Zaporizhzhya
hat. Es gibt mehrere dieser Aussichtspunkte; einen besuche ich am späten Abend.
Wasserkraftwerk und Staudamm sind hell beleuchtet.
In der Nähe des Museums, viel hübscher als dieser öde Betonbau,
gibt es den Nachbau eines Kosakenlagers, die "Zaporitzka Sic", alles
aus Holz, heute ein Freilichtmuseum, ursprünglich mal eine Filmkulisse.
Übrigens, Badeplätze gibt es auf Chortizja mehrere, nur sind sie
schwer zu finden. Die Insel ist dicht bewachsen. Die schmalen Zufahrtstraßen sind
an den Wochenenden völlig zugeparkt; die Ukrainer können immer noch nicht
parken... Übernachtet habe ich auf dem Parkplatz des Kosakenmuseums, war eine
ruhige Nacht.
Nun musste ich mich entscheiden: 400 km fahren, um über Kriwij-
Rig und Mikolaiw nach Cherson zu kommen, oder 400 km fahren, um über Wasiliwka
und Melitopol direkt auf die Krim zu kommen. Nun, ich habe mich entschieden:
ich fahre direkt auf die Krim. Übrigens, die Straße von Zaporizhzhya in
Richtung Krim und mit Ziel Simferopol ausgeschildert, mit M18/ E105 bezeichnet,
ist schlichtweg eine Frechheit! Wer hat da eigentlich über Jahre hinweg die Instandsetzungsmittel
in die eigene Tasche umgeleitet? Also unbedingt andere Strecke wählen.
Nun, ich lande bei Freunden in
Simferopol, der Hauptstadt der Krim- die privaten Sachen lassen wir mal weg und
alsbald lande ich in Chodscha Sala und Felsenkloster
Chelter, dem nächsten Punkt der Reise.
© Roadking66